Akute Hufrehe - und nun? 

Akute Hufrehe – was in den ersten 48 Stunden im Huf passiert

Warum die erste Reaktion über den Huf entscheidet – und warum „kühlen und abwarten" nicht reicht

Ein Fachbeitrag von Kerstin Janßen · Hufservice Janßen · Fürstenberg/Havel

Ihr Pferd steht mit gespreizten Vorderbeinen im Stall. Die Hufe sind heiß. Die Pulsation am Fesselkopf pocht. Es will sich nicht bewegen. Sie googeln „akute Hufrehe" – und überall lesen Sie dasselbe: Kühlen. Weich aufstallen. Tierarzt rufen. Kein Kraftfutter.
Das ist alles richtig. Aber es ist nicht genug.
Denn während Sie kühlen und warten, läuft im Huf ein Prozess ab, den Sie nicht sehen, nicht fühlen und nicht aufhalten können, wenn Sie ihn nicht verstehen. Was in den ersten 48 Stunden passiert, entscheidet darüber, ob Ihr Pferd sich vollständig erholt – oder ob bleibende Schäden entstehen.

Die Initialphase oder subklinische Phase: Wenn noch nichts wehtut

Bevor Ihr Pferd Symptome zeigt, hat die Hufrehe schon begonnen. Man nennt diese Phase die Initialphase. Sie kann wenige Stunden dauern – oder mehrere Tage. In dieser Zeit ist das Pferd unauffällig. Es frisst, es läuft, es zeigt keine Schmerzen.
Aber im Huf passiert bereits etwas: Die Auslöser – ob Insulin, Endotoxine oder mechanische Überlastung – haben den Hufbeinträger erreicht. Das Gewebesystem, das das Hufbein in der Hornkapsel aufhängt, wird angegriffen. Auf zellulärer Ebene beginnen die Verbindungsstrukturen zu versagen.

Das ist das Tückische an der Hufrehe: Wenn Sie die Symptome sehen, ist die Schädigung bereits im Gang. Die Symptome sind nicht der Anfang. Sie sind das Zeichen, dass der Anfang schon vorbei ist.

Was im Huf passiert, wenn die Schmerzen einsetzen

Wenn die akute Phase beginnt – das Pferd zeigt Lahmheit, die Hufe sind warm, die Pulsation ist tastbar –, dann hat sich die Entzündung im Hufbeinträger bereits ausgebreitet.

In meinem Artikel „Was passiert bei Hufrehe im Huf?" habe ich die vier Verankerungsebenen des Hufbeinträgers beschrieben: A0 (Anfangsverankerung), Z1 (Lamellensystem), Z2 (Gleithaft) und E (Endverankerung). In der akuten Phase ist es vor allem die Ebene Z1 – das tragende Lamellensystem –, in der die Schädigung stattfindet.
Die Verbindung zwischen den lebenden Lederhautlamellen und den verhornten Oberhautlamellen wird geschwächt. Die molekularen Anker – Hemidesmosomen und Basalmembran –, die das Hufbein in Position halten, verlieren ihre Funktion. Das Hufbein beginnt, seine Aufhängung zu verlieren.

Und genau hier entscheidet sich alles: Wie weit geht die Schädigung? Bleibt sie auf Z1 beschränkt – oder greift sie tiefer?
Warum die ersten 48 Stunden entscheidend sind
In den ersten 48 Stunden nach Symptombeginn gibt es ein Zeitfenster. Die Schädigung im Hufbeinträger ist noch im Gang – sie ist noch nicht abgeschlossen. Was jetzt passiert, beeinflusst, wie weit sie fortschreitet.
Wird der Auslöser sofort beseitigt – der Insulinspiegel gesenkt, die Toxinquelle gestoppt, die Belastung reduziert –, hat der Hufbeinträger eine Chance, sich zu stabilisieren. Die Entzündung kann begrenzt werden. Die Schädigung bleibt möglicherweise auf einem Niveau, das reparabel ist.
Wird zu lange gewartet, breitet sich die Schädigung aus. Die Lamellen lösen sich weiter. Das Hufbein verliert zunehmend seinen Halt. Nach 48 Stunden kann der Punkt erreicht sein, an dem das Hufbein beginnt zu rotieren oder abzusinken – der Übergang in die chronische Hufrehe.

Deshalb ist die akute Hufrehe ein Notfall. Nicht weil die Schmerzen groß sind – obwohl sie das sind. Sondern weil jede Stunde zählt, in der die Ursache nicht beseitigt und der Huf nicht entlastet wird.

Was „kühlen und abwarten" tut – und was nicht
Kühlen ist richtig. Es reduziert die Entzündungsreaktion im Huf und lindert Schmerzen. Studien von Andrew van Eps (University of Queensland) haben gezeigt, dass konsequentes Kühlen in der Initialphase die Schädigung messbar begrenzen kann.
[19.03.2026 17:27] Kerstin Janßen: Weich aufstallen ist richtig. Es reduziert den mechanischen Druck auf den bereits geschädigten Hufbeinträger.
Schmerzmittel sind richtig. Sie lindern die Qual des Pferdes und verhindern, dass es durch schmerzbedingte Fehlhaltungen noch mehr Schaden anrichtet.
Aber: All das behandelt die Symptome. Es stoppt nicht die Ursache.
Wenn die Hufrehe durch chronisch erhöhtes Insulin ausgelöst wurde – und das ist die häufigste Ursache –, dann muss der Insulinspiegel gesenkt werden. Sofort. Nicht nächste Woche. Nicht nach dem Blutbild. Jetzt. Das bedeutet: Kein Weidegras. Kein Kraftfutter. Kein Zucker. Nur zucker- und stärkearmes Heu. Und ein Tierarzt, der den Insulinwert bestimmt.

Wenn die Hufrehe durch Endotoxine ausgelöst wurde – bei Kolik, Nachgeburtsverhalten, Vergiftung –, dann muss die Grunderkrankung behandelt werden. Die Hufrehe ist hier die Folge, nicht die Ursache.
In beiden Fällen gilt: Die Erstversorgung des Hufs ist wichtig. Aber sie ist nur die halbe Maßnahme, wenn der Auslöser weiterläuft.

Die Frage, die Sie Ihrem Tierarzt stellen sollten

Wenn Ihr Tierarzt „Hufrehe" diagnostiziert, stellen Sie ihm eine Frage:
Was ist die Ursache?
Nicht: Was soll ich tun? Das wird er Ihnen sagen. Sondern: Warum ist das passiert? Ist es Insulin? Ist es eine Infektion? Ist es Überlastung?

Die Antwort auf diese Frage bestimmt nicht nur die Behandlung in den nächsten 48 Stunden. Sie bestimmt die Prognose für die nächsten Monate und Jahre.
Und wenn die Antwort „Fütterungsrehe" lautet – fragen Sie nach: Wurde der Insulinwert gemessen? Denn eine Fütterungsrehe bei einem übergewichtigen Pferd ist in den meisten Fällen eine insulinbedingte Rehe. Und die Behandlung einer insulinbedingten Rehe beginnt nicht am Huf – sie beginnt am Stoffwechsel.

Was ich bei meinen Patienten sehe
Ich bearbeite Rehehufe. Das ist mein Alltag. Und was ich immer wieder sehe, ist dasselbe Muster: Das Pferd hatte Rehe. Der Tierarzt hat Schmerzmittel gegeben und kühlen empfohlen. Der Huf wurde geröntgt. Und dann – Wochen oder Monate später – steht die Besitzerin in der Stallgasse und fragt mich: Warum wird es nicht besser?
Die Antwort ist fast immer dieselbe – und sie hat mehrere Seiten.
Erstens: Der Auslöser wurde nie beseitigt. Das Insulin wurde nie gemessen. Die Fütterung wurde ein bisschen angepasst, aber nicht konsequent umgestellt. Das Pferd steht immer noch auf derselben Weide.

Zweitens: Der Huf wurde nicht fachgerecht unterstützt. Kein Hufbearbeiter wurde hinzugezogen – oder zu spät. Oder die Bearbeitung folgte einem Schema, das nicht zur Reheform passte. Ein Rehehuf braucht gezielte Entlastung, angepasste Intervalle und jemanden, der versteht, was im Hufbeinträger passiert ist. Ohne diese Unterstützung kann sich der Huf nicht erholen, selbst wenn der Stoffwechsel korrigiert wird.
Die akute Hufrehe ist kein einmaliges Ereignis. Sie ist ein Zeichen dafür, dass im Stoffwechsel etwas fundamental entgleist ist. Und wenn man nur den Huf behandelt, aber nicht den Stoffwechsel – oder den Stoffwechsel korrigiert, aber den Huf nicht fachgerecht unterstützt –, dann kommt der nächste Schub. Nicht ob – sondern wann.

Die ersten 48 Stunden – eine Zusammenfassung
Was Sie sofort tun müssen:
Tierarzt & Hufbearbeiter rufen. Hufrehe ist ein Notfall. Sofort. Nicht morgen.
Kühlen. Alle betroffenen Hufe, konsequent, über Stunden. Eis in Gefrierbeuteln, Crushed Ice, gekühltes Wasser – am Kronrand und an der Hufwand.
Weich aufstallen. Tiefe Späne, Sand, Torf – alles, was den Druck auf den Huf reduziert.
Fütterung sofort umstellen. Kein Weidegras, kein Kraftfutter, kein Zucker, keine Leckerli. Nur zucker- und stärkearmes Heu.
Ursache klären lassen. Insulinwert messen. Nicht nur Blutzucker – der kann normal sein, auch wenn das Insulin gefährlich hoch ist.
Fragen stellen. Welche Form von Rehe liegt vor? Was ist der Auslöser? Wie ist die Prognose?

 Was im Huf gleichzeitig passiert – und warum jede Stunde zählt –, das verstehen die meisten Pferdebesitzer nicht. Nicht weil sie es nicht wollen. Sondern weil es ihnen niemand erklärt hat.

Wenn Sie es genau wissen wollen

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© 2026 Kerstin Janßen · Hufservice Janßen · Fürstenberg/Havel
Dieser Beitrag basiert auf eigenem Fachwissen und ausgewerteten Primärquellen aus der Hufwissenschaft. Alle Formulierungen und die Struktur stehen unter Urheberrechtsschutz (§ 2 UrhG).

 

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Weitere Artikel dieser Reihe:
→ Was passiert bei Hufrehe im Huf?
→ Wer Hufrehe wirklich verstehen will, muss Insulin verstehen
© 2026 Kerstin Janßen · Hufservice Janßen · Fürstenberg/Havel
Dieser Beitrag basiert auf eigenem Fachwissen und ausgewerteten Primärquellen aus der Hufwissenschaft. Alle Formulierungen und die Struktur stehen unter Urheberrechtsschutz (§ 2 UrhG). 

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