Wer Hufrehe wirklich verstehen will, muss Insulin verstehen

Warum das wichtigste Hormon im Stoffwechsel auch das gefährlichste für den Huf ist

Ein Fachbeitrag von Kerstin Janßen · Hufservice Janßen · Fürstenberg/Havel

Ich lebe seit 44 Jahren mit Insulin. Jeden Tag. Jede Mahlzeit. Jede Entscheidung, die ich treffe, hat mit diesem Hormon zu tun – mit seiner Dosierung, seiner Wirkung, seinen Konsequenzen. Nicht beim Pferd. Bei mir.

Ich bin Typ-1-Diabetikerin. Und ich bin Hufbearbeiterin.

Diese Kombination war nie geplant. Aber sie hat mir etwas gegeben, das man an keiner Universität lernt: ein körperliches Verständnis dafür, was Insulin ist, was es tut – und was passiert, wenn es entgleist.

Als ich anfing, die internationale Fachliteratur zur Hufrehe zu lesen – Pollitt, de Laat, Asplin, Karikoski –, habe ich vieles wiedererkannt. Nicht weil ich Wissenschaftlerin bin. Sondern weil ich die Mechanismen kenne. Aus meinem eigenen Körper.

Und deshalb sage ich: Wer Hufrehe verstehen will, muss Insulin verstehen.


Was Insulin eigentlich ist

Insulin ist kein Gift. Insulin ist lebensnotwendig. Es ist das Hormon, das dafür sorgt, dass Zucker aus dem Blut in die Zellen gelangt – als Energie. Ohne Insulin verhungern die Zellen, obwohl Zucker im Überfluss im Blut schwimmt. So stirbt man als Typ-1-Diabetiker ohne Insulinzufuhr.

Beim gesunden Pferd funktioniert das so: Das Pferd frisst, Kohlenhydrate werden zu Glukose abgebaut, der Blutzucker steigt, die Bauchspeicheldrüse schüttet Insulin aus, der Zucker gelangt in die Zellen, der Blutzucker sinkt wieder. Ein Kreislauf, der sich selbst reguliert.

Das Problem beginnt, wenn dieser Kreislauf entgleist.


 Was bei EMS und PPID passiert

Beim Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) reagieren die Körperzellen nicht mehr ausreichend auf Insulin. Man nennt das Insulinresistenz. Der Körper reagiert darauf, indem er immer mehr Insulin produziert – um die gleiche Wirkung zu erzielen. Der Insulinspiegel im Blut steigt. Nicht einmal, nicht kurz, sondern dauerhaft.

Beim PPID (Pituitary Pars Intermedia Dysfunction, früher Cushing genannt) kommt eine hormonelle Störung der Hirnanhangsdrüse hinzu, die den gesamten Stoffwechsel durcheinanderbringt – einschließlich der Insulinregulation.

In beiden Fällen ist das Ergebnis dasselbe: chronisch erhöhtes Insulin im Blut. Und genau dieses Insulin – nicht der Zucker, nicht das Fett, nicht das Übergewicht an sich – ist der Auslöser für Hufrehe.


 Wie Insulin den Huf zerstört

Das ist der Punkt, an dem die meisten Erklärungen aufhören. „Insulin verursacht Hufrehe" – das liest man überall. Aber *wie*?

Die Forschung von Professor Christopher Pollitt und seinen Kollegen an der University of Queensland hat gezeigt, was auf zellulärer Ebene im Huf passiert, wenn der Insulinspiegel chronisch erhöht ist.

Zu viel Insulin greift die Lamellen des Hufbeinträgers an – jenes Gewebesystem, das das Hufbein in der Hornkapsel aufhängt. In meinem Artikel „Was passiert bei Hufrehe im Huf?" habe ich die vier Verankerungsebenen des Hufbeinträgers beschrieben: A0, Z1, Z2 und E.

Bei der insulinbedingten Rehe ist es vor allem die Ebene Z1 – das Lamellensystem, das stärkste Zugwerk des Hufs –, die geschädigt wird. Die Verbindungsstrukturen zwischen den lebenden Lederhautlamellen und den verhornten Oberhautlamellen werden geschwächt. Die Basalmembran und die Hemidesmosomen – die molekularen Anker, die das Hufbein in Position halten – verlieren ihre Integrität.

Das Hufbein beginnt, seine Aufhängung zu verlieren.

Und das Pferd steht auf diesem Huf. Mit seinem ganzen Gewicht. In jeder Sekunde.


Was Insulin-Rehe von anderen Reheformen unterscheidet

Hier liegt die entscheidende Information, die vielen Pferdebesitzern – und auch manchen Fachleuten – fehlt:

Insulinbedingte Rehe ist nicht dasselbe wie Sepsis-Rehe. Die beiden Formen greifen den Hufbeinträger an unterschiedlichen Stellen an, auf unterschiedliche Weise, mit unterschiedlicher Tiefe.

Und das bedeutet: Die Prognosen sind fundamental verschieden.
Bei einer insulinbedingten Rehe ist die Schädigung – wenn rechtzeitig erkannt und behandelt – reparabel. Die betroffenen Strukturen in Z1 sind regenerationsfähig. Voraussetzung: Der Insulinspiegel muss gesenkt werden. Der Huf muss entlastet werden. Die Bearbeitung muss stimmen. Und es braucht Zeit.

Bei einer schweren Sepsis-Rehe werden tiefere Strukturen zerstört, die diese Regenerationsfähigkeit nicht in gleichem Maße besitzen. Die Prognose ist deshalb grundlegend schlechter.

Diese Unterscheidung zu kennen, verändert die gesamte Herangehensweise – von der Erstversorgung über die Fütterung bis zur Hufbearbeitung.


Warum ich das persönlich nehme

Ich spritze mir seit 45 Jahren Insulin. Ich weiß, was passiert, wenn die Dosis zu hoch ist – Unterzucker, Zittern, Kontrollverlust. Ich weiß, was passiert, wenn die Dosis zu niedrig ist – der Zucker steigt, die Gefäße leiden, langfristige Schäden entstehen.

Ich weiß auch, was es bedeutet, jeden Tag mit einem Hormon zu leben, das gleichzeitig lebensrettend und gefährlich ist. Das ist kein abstraktes Wissen. Das ist Alltag.

Wenn ich vor einem Pferd stehe, dessen Hufe warm sind, dessen Pulsation pochend ist, dessen Besitzerin sagt „Er war doch nur auf der Weide" – dann sehe ich nicht nur den Huf. Ich sehe den Stoffwechsel. Ich sehe das Insulin. Und ich verstehe, was gerade auf zellulärer Ebene passiert, weil ich es an mir selbst kenne.

Das macht meine Perspektive nicht wissenschaftlicher als die eines Tierarztes. Aber es macht sie konkreter. Und manchmal ist das der Unterschied zwischen einer Erklärung, die man liest, und einer Erklärung, die man versteht.


Was Sie jetzt tun können

Wenn Ihr Pferd an EMS oder PPID leidet, oder wenn bei Ihrem Pferd Hufrehe diagnostiziert wurde, dann beginnt alles mit einer Frage: Wie hoch ist der Insulinwert?

Lassen Sie den Insulinspiegel Ihres Pferdes bestimmen – nicht nur den Blutzucker. Ein normaler Blutzucker schließt eine Insulindysregulation nicht aus. Das Pferd kann einen normalen Zuckerwert haben und trotzdem einen gefährlich hohen Insulinspiegel.

Sprechen Sie mit Ihrem Tierarzt über einen dynamischen Insulintest – der ist aussagekräftiger als eine einzelne Nüchternmessung.

Und fragen Sie sich: Verstehe ich, was Insulin in meinem Pferd tut? Wenn nicht, ist das kein Versäumnis. Die Information ist da – sie war nur bisher nicht zugänglich.






*© 2026 Kerstin Janßen · Hufservice Janßen · Fürstenberg/Havel*
*Dieser Beitrag basiert auf eigenem Fachwissen, persönlicher Erfahrung und ausgewerteten Primärquellen aus der Hufwissenschaft. Alle Formulierungen und die Struktur stehen unter Urheberrechtsschutz (§ 2 UrhG).*

Komplettpaket „Hufrehe & Stoffwechsel