Insulin ist kein Übeltäter 

Ich arbeite seit Jahren schwerpunktmäßig mit Pferden die Insulinrehe haben. Nicht Sepsisrehe. Nicht Belastungsrehe. Insulinrehe.

Das hat einen Grund.

Insulinrehe ist die häufigste Form der Hufrehe. Und die am meisten übersehene. Weil man sie nicht sieht. Weil das Pferd nicht lahmt. Weil niemand Insulin gemessen hat.

Wer nicht weiß was zu viel Insulin im Körper anrichtet — und was zu wenig — der versteht diese Krankheit nicht. Nicht beim Pferd. Und nicht beim Menschen.

Insulin ist kein neuer Übeltäter.

Insulin ist ein Hormon das seit Jahrzehnten in jedem Pferd arbeitet. Jeden Tag. Bei jedem Pferd. Bei jedem Bissen Heu.

Es war immer da.

Früher hieß der Schuldige Eiweiß im Gras. Dann Fructan. Jetzt Insulin.

Das klingt nach Mode. Nach dem nächsten Trend in der Pferdebranche.

Es ist keiner.

Insulin ist die Antwort auf eine Frage die schon immer da war: Warum bekommt dieses Pferd Hufrehe — und das andere auf derselben Weide nicht?

Zwei Pferde. Dieselbe Weide. Dasselbe Gras. Das eine bekommt Insulinrehe. Das andere nicht.

Der Unterschied liegt nicht im Gras. Er liegt im Pferd.

Das ist rassetypisch. Ponys, Tinker, Haflinger, Isländer, Warmblut, Araber — alle haben unterschiedliche genetische Voraussetzungen für Insulindysregulation. Manche Rassen reagieren auf dieselbe Zuckermenge mit einem vielfach höheren Insulinausstoß als andere. [1] [2]

Und das Gras spielt dabei eine Rolle die die meisten unterschätzen. Deutsches Weidelgras — Lolium perenne — wurde auf hohe Erträge gezüchtet. Nicht für Pferde. Für Kühe. Es hat unter allen Weidegräsern konsistent die höchsten Zuckerwerte. [3]

Das ist kein normales Weidegras. Das ist Hochleistungsgras auf einer Pferdeweide.

Was macht Insulin?

Insulin reguliert den Blutzucker. Es öffnet die Zellen für Glukose. Es speichert Energie. Es ist eines der wichtigsten Hormone im Körper — beim Menschen genauso wie beim Pferd.

Wenn ein Pferd Zucker frisst — Gras, Heu, Kraftfutter — steigt der Blutzucker. Die Bauchspeicheldrüse antwortet mit Insulin. Normal. Physiologisch. Lebensnotwendig.

Bei manchen Pferden passiert etwas anderes. Das Gewebe reagiert nicht mehr richtig auf Insulin. Die Bauchspeicheldrüse produziert mehr. Der Insulinspiegel bleibt chronisch erhöht.

Chronisch erhöhtes Insulin schädigt die Lamellen im Huf. Direkt. Ohne Umweg über Entzündung. Ohne Fructan. Ohne Eiweiß.

Das ist kein Verdacht. Das ist seit Jahren belegt. [4] [5]

Warum weiß das nicht jeder?

Weil man Insulin messen muss um es zu sehen.

Man sieht es nicht am Huf. Nicht am Gang. Nicht an der Weide. Nicht nach 30 Jahren Erfahrung wenn man nie gemessen hat.

Der Huf zeigt die Folgen. Nicht die Ursache.

Wer nur auf den Huf schaut — sieht Ringe. Sieht Rotation. Sieht Schmerz. Und sucht die Ursache im Futter, im Beschlag, im Lehm.

Wer Insulin misst — findet die Ursache.

Und die Wissenschaft?

Die Forschung ist da. Sie ist nicht neu. Sie ist nicht versteckt.

Sie ist auf PubMed. Peer-reviewed. Mehrfach repliziert. Von Forschungsgruppen in Australien, Großbritannien, Finnland, den USA.

In Deutschland wird englischsprachige Fachliteratur zur Insulindysregulation kaum systematisch gelesen — weder in der Tiermedizin noch in der Hufpflege noch in der Pferdehaltung insgesamt. Weiterbildungen zu diesem Thema sind selten. Das Wissen wird nicht übersetzt. Nicht aufbereitet. Nicht weitergegeben.

Das Wissen existiert. Es kommt nur nicht an.

Und manchmal hat man auch kein Interesse daran dass es ankommt.

30 Jahre Erfahrung am Huf ersetzen keine einzige Studie. Und eine Studie ersetzt keine 30 Jahre Erfahrung. Aber wer beides hat — Erfahrung und Wissenschaft — der muss nicht raten.

Wer nur eines hat, sollte vorsichtig sein mit sicheren Aussagen.

© Hufservice Janßen

Quellen im Post:
ScienceDirect, Equine Metabolic Syndrome · Jensen et al., Crop Science 2014 · Karikoski et al., Veterinary Pathology 2015 · de Laat et al., Endocrinology 2010

Quellen
 [1] ScienceDirect, Equine Metabolic Syndrome: https://www.sciencedirect.com/topics/veterinary-science-and-veterinary-medicine/equine-metabolic-syndrome
[2] ECEIM Consensus Statement EMS: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6430910/
[3] Jensen et al., Crop Science 2014: https://www.safergrass.org/sciencearticles
[4] Karikoski et al., 2015: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0300985814549212
[5] de Laat et al., Endocrinology, 2010: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20444943/

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