Was passiert bei Hufrehe im Huf?
Verstehen Sie Hufrehe: Ursachen und Lösungen
Warum die Struktur des Hufbeinträgers über die Prognose entscheidet:
Ein Fachbeitrag von Kerstin Janßen · Hufservice Janßen · Fürstenberg/Havel
Hufrehe ist eine der schmerzhaftesten Erkrankungen des Pferdes. Das wissen die meisten. Aber was genau passiert dabei im Huf – und warum ist das so entscheidend?
Die Antwort auf diese Frage bestimmt, ob ein Rehehuf sich erholen kann oder nicht. Sie steht in der internationalen Fachliteratur – auf Englisch, verteilt auf Dutzende Journals, geschrieben für ein Fachpublikum. Aber kaum irgendwo so, dass Pferdebesitzer, Hufbearbeiter oder Schmiede sie verstehen und anwenden können.
Der Hufbeinträger: Das Herzstück des Hufs
Das gesamte Körpergewicht eines Pferdes wird über das Hufbein auf die Hornkapsel übertragen. Aber nicht durch Druck von oben – sondern durch Aufhängung. Das Hufbein hängt in der Hornkapsel, verbunden durch ein hochkomplexes Gewebesystem: den Hufbeinträger.
In Hufdiskussionen hört man oft Begriffe wie „stehendes Hufbein" oder „hängendes Hufbein". Beide Bilder wirken intuitiv – und beide sind biomechanisch ungenau. Das Hufbein steht nicht auf der Sohle. Es hängt auch nicht einfach nur an der Wand. Der Huf funktioniert als Druck-Zug-System, das Kräfte verteilt, abfedert und führt.
Dafür besitzt das Pferd vier biologische Verankerungsebenen, die zusammenarbeiten. Und genau hier wird es wichtig – denn Hufrehe greift diese Ebenen an. Um zu verstehen, was Rehe im Huf zerstört, muss man erst verstehen, was dort trägt.
Vier Ebenen, die den Huf zusammenhalten
Ebene 1: Die Anfangsverankerung (A0)
Die Stelle, an der das Körpergewicht zuerst ankommt.
Kollagenfaserbündel entspringen direkt an der Oberfläche des Hufbeins – an den Rillen der parietalen Kortex, der Außenschicht des Knochens. Sie verlaufen fast senkrecht, nur leicht fächernd, nach oben zur Basalmembran.
Ihre Aufgabe: Sie nehmen das Körpergewicht direkt am Hufbein auf, wandeln Druck in Zugkraft um und leiten diese Zugkraft in das Lamellensystem weiter. Ohne A0 würde das Hufbein bei jeder Belastung absinken.
A0 ist extrem belastbar. Die Kollagenbündel sind so konstruiert, dass sie selbst bei äußeren Schäden oft noch funktionsfähig bleiben. Das ist die erste Kraftannahme – bevor überhaupt etwas anderes eingreift.
Ebene 2: Die erste Zwischenverankerung (Z1)
Das stärkste Zugwerk des gesamten Hufs.
Hier verzahnen sich primäre dermale Lamellen (Lederhautblättchen, lebend) mit primären epidermalen Lamellen (Oberhautblättchen, Horn) – verbunden über die Basalmembran und Hemidesmosomen, molekulare Verankerungsstrukturen. Zwischen den primären Lamellen liegt die sublamellare Lederhaut, stark durchblutetes Bindegewebe, das die Lamellen ernährt.
Z1 ist das tragende System des Hufs. Es trägt den Großteil des Pferdegewichts, stabilisiert das Hufbein in der Hornkapsel und verteilt die vertikale Last über Tausende von Primär- und Sekundärlamellen.
Ein besonderes Detail: An der Hufbeinspitze sitzt eine fächerförmige, besonders starke Lamellenverstärkung. Sie wirkt als Gegenspieler zur tiefen Beugesehne. Diese Verstärkung fängt die größten Zugkräfte der Sehne ab – besonders im Moment des stärksten Abrollzugs –, stabilisiert die Hufbeinspitze gegen ein Abkippen und verhindert, dass das Hufbein nach hinten-unten rotiert. Biomechanisch ist sie einer der wichtigsten Stabilisatoren des gesamten Hufbein-Apparats.
Deshalb trägt das Pferd nicht über die Sohle, sondern über das Lamellensystem. Z1 ist die zugstärkste, aber auch die empfindlichste Ebene des gesamten Systems.
Ebene 3: Die zweite Zwischenverankerung (Z2) – die Gleithaft
Kontrolliertes Nachrutschen, damit Hornwachstum überhaupt möglich ist.
Hier verbinden sich stationäre lebende Oberhautzellen mit nachrückenden, bereits verhornenden Zellen. Diese Zone ist klein, aber sie erfüllt zwei Funktionen gleichzeitig.
Erstens: Stabilität gegen Scherkräfte. Z2 dämpft Scherkräfte beim Abrollen, schützt das Lamellensystem vor Rissen und verhindert plötzliches Auseinanderreißen.
Zweitens: Kontrolliertes Nachrutschen für Hornwachstum. Z2 ermöglicht das regelmäßige Wachstum der Hornkapsel über mikroskopisch kleine Schritte – etwa 8 bis 14 Mikrometer pro Stunde, rund 0,2 bis 0,3 Millimeter pro Tag. Nicht sichtbar, aber präzise. Ohne Z2 würde der Huf entweder reißen oder gar nicht wachsen.
Z2 ist die elastische Gleitschicht, die Stabilität und Wachstum gleichzeitig möglich macht.
Ebene 4: Die Endverankerung (E) und die Kronlederhaut
Die federnde Verbindung zur oberen Hornkapsel – und die Hornfabrik des Hufs.
Im Bereich des inneren Kronhorns umschlingen Hornblättchen die Kronröhrchen und verbinden sich mit dem Stratum medium, der mittleren Schicht der Hufwand. Diese Ebene hat zwei Funktionen.
Die mechanische Funktion: E leitet die Zugkräfte nach oben, verteilt die Belastung ins Kronenpolster und wirkt federelastisch.
Die produktive Funktion: Die Kronlederhaut (Corium coronae) ist die Hornfabrik des Hufs. Sie produziert die Hornröhrchen der Hufwand, kontrolliert Hornqualität und Wachstumsgeschwindigkeit und arbeitet kontinuierlich – neue Keratinozyten entstehen, keratinisieren und werden zu Horn. Das sind etwa 6 bis 8 Millimeter neues Wandhorn pro Monat. Die Kronlederhaut ist stark durchblutet und deshalb hochsensibel gegenüber Störungen.
Wie Kräfte im Huf wirken
Beim Stehen und Laufen treffen sich zwei Kraftsysteme im Huf.
Von oben kommt das Körpergewicht. Es komprimiert A0, wird in Z1 in Zugkräfte umgewandelt, gelangt über Z2 kontrolliert nach oben und wird durch E ins Kronenpolster weitergeleitet.
Von unten kommt die Bodenreaktion. Sie drückt die Wand nach oben, erzeugt Scherkräfte beim Abrollen, wird über Z2 abgefedert und stabilisiert durch Z1 das Hufbein in seiner Position.
Das bedeutet: Der Huf trägt durch Zug, nicht durch Stehen. Die Wand arbeitet, aber sie trägt nicht allein. Die Sohle federt ab, aber sie trägt nicht dauerhaft. Das Hufbein hängt nicht – und es steht auch nicht. Es ist in einem biologischen Spannwerk verankert, das exakt für diese Kräfte gebaut ist.
Was Hufrehe in diesem System zerstört
Jetzt wird klar, warum die Unterscheidung der Reheform so wichtig ist: Jede Form von Rehe greift an einer anderen Ebene dieses Systems an.
Insulinbedingte Rehe – die häufigste Form, ausgelöst durch EMS oder PPID – schädigt die Zellen und Verbindungsstrukturen des Lamellensystems. Die Schädigung betrifft primär die empfindliche Ebene Z1. Aber: Wenn der Insulinspiegel gesenkt, der Huf entlastet und die richtige Bearbeitung durchgeführt wird, ist diese Schädigung reparabel. Die betroffenen Strukturen sind regenerationsfähig.
Sepsis- oder Endotoxin-bedingte Rehe – ausgelöst durch bakterielle Giftstoffe im Blut, etwa bei Nachgeburtsverhalten, schwerer Kolik oder massiver Überfütterung – zerstört tieferliegende Strukturen des Hufbeinträgers. Die Schädigung greift hier nicht nur die Lamellen an, sondern die strukturelle Basis selbst. Eine vollständige Reparatur ist in schweren Fällen nicht mehr möglich.
Belastungsrehe – die seltenste Form – entsteht durch rein mechanische Überlastung, etwa bei dauerhafter Entlastung einer verletzten Gliedmaße.
Die genaue Zuordnung der Schädigungsebenen zu den einzelnen Reheformen – mit histologischen Belegen und Quellenverweisen – ist Gegenstand meines Fachbeitrags „Der Hufbeinträger".
Was das für die Prognose bedeutet
Die Prognose eines Rehehufs hängt nicht nur davon ab, wie schwer die Rehe war. Sie hängt davon ab, welche Form von Rehe vorlag und welche Ebene des Hufbeinträgers geschädigt wurde.
Das zu verstehen, verändert alles: die Erstversorgung, die Hufbearbeitung, die Fütterung – und vor allem die realistische Einschätzung, was möglich ist und was nicht.
Wenn Ihr Pferd Hufrehe hat, stellen Sie Ihrem Tierarzt und Ihrem Hufbearbeiter eine Frage: Welche Form von Rehe liegt vor? Die Antwort bestimmt, welche Maßnahmen sinnvoll sind und welche Prognose realistisch ist.
Das Hufbein wird nicht krank. Es wird fallengelassen.
90 Prozent aller Rehepatienten haben eine endokrine Ursache. Insulin. Nicht Gras. Nicht Fruktane. Nicht „zu viel Eiweiß".
Dieser Fachbeitrag erklärt, was bei Hufrehe im Huf wirklich passiert. Auf Zellebene. Mit eigenen Kadaverpräparaten, Röntgenbildern und Infografiken.
Teil I – Der Hufbeinträger
Was den Huf zusammenhält. Fünf Schichten. Vier Verankerungsebenen. Das Zugprinzip. Warum die dorsale Wand zuerst versagt. Drei Reheformen mit drei verschiedenen Mechanismen – Sepsis, Insulin, Belastung. Drei Angriffspunkte. Drei Prognosen. Schmerz bei Hufrehe: akuter Schmerz, chronischer Schmerz, Schmerzgedächtnis. Was das für die Hufbearbeitung bedeutet: Wand aus der Last, Breakover, Polsterung. Röntgenbefunde. Der Terminalbogen als Grenze.
Teil II – Insulin
Was Insulin im Körper tut – und was es im Huf anrichtet. Sieben Funktionen. GLUT1 vs. GLUT4. Warum der Huf Insulinrezeptoren hat, obwohl er kein Insulin für Energie braucht. Der Teufelskreis: Insulin, Fett, Entzündung. EMS. PPID. Der zelluläre Mechanismus: PI3K, Rac1, Aktin – wie Insulin das Zytoskelett der Lamellenzelle zerstört. Die IGF-1-Hypothese und ihre Widerlegung. Insulin und Verhalten: MAO-Achse, COMT-Achse, HPA-Achse. Warum manche Pferde ängstlich werden und manche apathisch.
Was Sie bekommen:
73 Seiten. 37 Abbildungen – eigene Kadaverpräparate, Zelldiagramme, Infografiken, Röntgenbilder. 59 Quellenangaben mit DOI und PMID. Sofort-Download als PDF.
→ Zum Fachbeitrag „Der Hufbeinträger & das Insulin" – 59,00 € · PDF · Sofortdownload
© 2026 Kerstin Janßen · Hufservice Janßen · Fürstenberg/Havel
Dieser Beitrag basiert auf eigenem Fachwissen und ausgewerteten Primärquellen aus der Hufwissenschaft. Alle Formulierungen und die Struktur stehen unter Urheberrechtsschutz (§ 2 UrhG).