Warum Rehetherapie scheitert

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Warum ich Pferdebesitzer verstehe, die nicht handeln

Ein Typ-1-Diabetikerin über Hufrehe, Insulin und den Mechanismus der Vermeidung

213 Milligramm pro Deziliter.

Das ist nicht katastrophal. Es ist zu hoch. Der Normbereich liegt zwischen 70 und 140. Bei 213 passiert körperlich schon etwas.

Was ich zuerst denke, wenn ich so einen Wert auf meinem Messgerät sehe, ist fast nie Selbstvorwurf. Es ist einer von drei Sätzen.

Nicht schon wieder.

Oder: Darum bekomme ich im Moment so schlecht Luft.

Oder: Hupps, da habe ich mich mit dem Insulin verschätzt. Wenigstens nach unten, nicht nach oben.

Denn zu viel Insulin ist gefährlicher als zu wenig. Zu wenig tut weh, schadet langfristig, macht müde. Zu viel kann töten, innerhalb von Minuten. Also denke ich bei 213 zuerst: Gut, dass ich nicht bei 35 bin.

Das ist der erste Reflex. Nicht Ärger. Einordnung.

Was hat das mit deinem Pferd zu tun?
Ich bin Hufbearbeiterin. Ich arbeite mit Pferden, die Insulinprobleme haben. EMS, PPID, insulindysreguliert. Und ich bin seit 45 Jahren Typ-1-Diabetikerin. Das heißt: Meine Bauchspeicheldrüse produziert kein Insulin. Seit ich vier Jahre alt bin, spritze ich es selbst. Jeden Tag. Jede Mahlzeit. Jeden Wert.

Ich betreibe eine Organersatztherapie.

Das klingt dramatisch. Ist es nicht. Es ist die präzise Beschreibung dessen, was ich jeden Tag tue. Die Betazellen in meiner Bauchspeicheldrüse sind tot. Sie sind das Organ, das bei einem gesunden Menschen Sekunde für Sekunde den Blutzucker misst, rechnet, Insulin ausschüttet — automatisch, rund um die Uhr, angepasst an Essen, Bewegung, Stress, Hormone, Infekt, Schlaf, Wetter. Ich mache das manuell. Mit Messgerät, mit Kopf, mit Nadel. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Auch nachts. Von acht Stunden Schlaf bleiben oft vier am Stück übrig. Eine Nacht diese Woche: einmal zum Klo, dann Unterzucker, Traubenzucker essen, zurück ins Bett, wieder Klo, Wert im Normbereich, schlafen. Das ist nicht die Ausnahme. Das ist normal.

Und genau deshalb verstehe ich Pferdebesitzer, die mit einer Insulindysregulationsdiagnose ihres Pferdes nichts anfangen können.

Mein Körper erzwingt die Ehrlichkeit. Beim Pferd tut das niemand.
Wenn mein Blutzucker zu hoch ist, spüre ich das. Das Blut wird langsamer. Schwerer. Die Atmung wird zäher, als müsste ich gegen etwas ankommen. Der Kopf wird dumpf. Nicht Schmerz, eher ein Druck. Konzentrieren geht, aber es kostet. Die Haut wird wärmer von innen. In manchen Nächten ist das Gefühl so stark, dass es sich anfühlt, als würde ich innerlich brennen.

Das ist kein Drama. Das ist Biochemie. Zucker bindet Wasser, der Körper versucht ihn loszuwerden, Elektrolyte verschieben sich, die Muskelzellen bekommen trotz des vielen Zuckers zu wenig Energie, weil Insulin fehlt, um ihn reinzulassen. All das erzeugt das Gefühl von Schwere, Trägheit, schwerem Atem.

Wenn ich ein Pferd sehe, das sich kaum noch bewegen mag, das vorsichtig läuft, das bei jedem Schritt zögert, das Fettpolster am Mähnenkamm hat und eine Körpersprache, die Erschöpfung zeigt — dann erkenne ich das wieder. Nicht theoretisch. Körperlich.

Der Pferdebesitzer, dem ich das erkläre, schaut mich oft ungläubig an. Nachempfinden ist schwer, wenn man es nicht kennt. Es klingt wie eine Behauptung. Ist es nicht. Es ist die präzise Beschreibung dessen, was ein insulindysreguliertes Pferd täglich erlebt — und was sein Besitzer nicht sieht, weil er es nicht fühlt.

Der entscheidende Unterschied
Ich habe nicht die Option, wegzuschauen. Mein Körper zwingt mich zur Ehrlichkeit. Jeden Tag. Jede Mahlzeit. Jede Entscheidung.

Ein Pferdebesitzer hat dieses Glück nicht.

Sein Pferd meldet sich nicht. Oder nur leise. Die Hufrehe baut sich über Wochen auf. Das Hufbein rotiert nicht über Nacht. Die Fettpolster wachsen langsam. Das vorsichtige Laufen wird zum Gewohnheitsbild. Nichts zwingt den Besitzer zur Ehrlichkeit. Alles verleitet ihn dazu, es noch einen Tag zu versuchen.

Ohne Zwang muss Ehrlichkeit aktiv gewählt werden. Das ist viel schwerer.

Deshalb brauchen Pferdebesitzer etwas, das meinen Körper ersetzt. Nicht im medizinischen Sinn. Im didaktischen. Sie brauchen Sichtbarkeit.

Werte, die aufgeschrieben sind. Fotos vom Mähnenkamm, vom Huf, vom ganzen Pferd — jede Woche, gleiche Perspektive, gleiches Licht. Blutwerte in einer Tabelle, nicht als loses Papier im Ordner. Heuanalysen, die man nebeneinander legen kann. Ein Tracker, der die Entwicklung über Monate zeigt.

Wer nur heute schaut, sieht nichts. Wer Verlauf sieht, sieht alles.

Nicht weil Besitzer zu blöd wären
Nicht weil das Gedächtnis schlecht wäre. Gedächtnis ist kein Messinstrument. Es beschwichtigt. Es filtert. Es passt sich an. Das Pferd sei doch immer so rund gewesen. Der Huf habe doch schon letztes Jahr so ausgesehen. Der Stallnachbar habe gesagt, das sei altersnormal.

Ohne Verlauf kein Verlauf. Ohne Verlauf keine Wahrheit.

Der Punkt, an dem die meisten scheitern, ist nicht das Aufschreiben. Es ist das Hinschauen, wenn die Zahlen schlecht sind. Wenn das Foto von heute zeigt, dass das Pferd mehr zugenommen hat, nicht weniger. Wenn der Insulinwert gestiegen ist, nicht gesunken. Wenn die Hufwand mehr Ringe hat als vor drei Monaten.

Dann wird die Tabelle nicht weitergeführt. Dann wird das Foto nicht mehr gemacht. Dann wird die Kamera in die Schublade gelegt. Nicht bewusst. Unbewusst. Der Kalender wird voll. Die Zeit reicht nicht. Andere Dinge werden wichtiger.

Das ist kein moralisches Versagen. Das ist das Gehirn, das sich schützt. Vor dem Gefühl, versagt zu haben. Vor dem Gedanken, dass man nicht genug getan hat. Vor dem Satz, den man sich selbst nicht sagen will: Ich habe mein Pferd in diesen Zustand gebracht.

Den Satz muss man aushalten, um weiterzumachen. Nicht als Anklage. Als Beschreibung.

Das ist schwer. Ich weiß.

Eingestehen vs. Scham
Es gibt einen Unterschied zwischen produktivem Eingestehen und lähmender Scham.

Eingestehen sagt: Das ist passiert. Was tue ich jetzt?

Scham sagt: Das ist passiert, weil ich bin, wie ich bin. Und weil ich bin, wie ich bin, wird es wieder passieren. Ich kann nichts dagegen tun.

Der erste Satz führt zu Handlung. Der zweite zu Lähmung.

Ich habe mir den ersten angewöhnt. Nicht weil ich besonders gelassen bin. Sondern weil ich mir den zweiten nicht leisten kann. Wenn ich in Selbstvorwürfen versinke, korrigiere ich den Wert nicht. Ein unkorrigierter Wert wird zum nächsten schlechten Wert. Der wird zum übernächsten. Und irgendwann sind es Jahre mit schlechten Werten, die sich summieren zu Spätfolgen. Das Wort ist harmlos. Gemeint sind Erblindung, Dialyse, Amputation.

Kontrolle ist eine Illusion
Es gibt einen Satz, der trägt: Kontrolle ist eine Illusion.

Ich kontrolliere meinen Blutzucker nicht. Ich beeinflusse ihn. Der Unterschied ist gewaltig. Kontrolle heißt: Man weiß, was herauskommt. Beeinflussung heißt: Man tut, was man kann, und nimmt, was kommt. Ein Wert von 213 ist kein Versagen. Er ist eine Information. Manchmal habe ich mich verrechnet. Manchmal war es ein Infekt, den ich noch nicht bemerkt habe. Manchmal war es Stress, Hormone, eine Mahlzeit, die anders zusammengesetzt war als gedacht. Manchmal weiß ich nicht, warum.

Wer glaubt, er kontrolliere einen Diabetes, bricht irgendwann zusammen. Weil Kontrolle nicht möglich ist. Wer weiß, dass er nur beeinflusst, bleibt handlungsfähig. Weil Beeinflussung genügt.

Das gilt für den Pferdebesitzer auch. Er kontrolliert die Insulindysregulation seines Pferdes nicht. Er beeinflusst sie. Heuanalyse, Fütterungsmanagement, Bewegung, Gewichtsmanagement, Medikation wenn nötig. Kein einziger dieser Hebel garantiert, dass nie wieder eine Rehe kommt. Aber zusammen reduzieren sie das Risiko massiv.

Nicht Drama. Rechenarbeit.
Eine deutsche Studie des FIDAM Forschungszentrums in Bad Mergentheim hat gemessen, wie lange Menschen mit Diabetes jeden Tag an ihre Erkrankung denken. Durchschnitt: 77 Minuten. Eine Stunde und 17 Minuten. Anders gerechnet: Alle zwölf Minuten ist der Diabetes in irgendeiner Form Thema.

Das klingt viel. Es ist viel. Aber es ist die Wahrheit. Und es ist nicht Drama. Es ist Rechenarbeit. Was habe ich gegessen. Was werde ich essen. Wie ist der Wert. Wie viel Insulin. Wie ist die Bewegung. Wie ist der Schlaf.

Für einen Pferdebesitzer mit einem insulindysregulierten Pferd ist es nicht anders. Es gehört täglich gedacht. Nicht als Drama. Als Rechenarbeit. Wie sehen die Hufe aus. Wie ist das Heu. Wie viel Bewegung war. Wie steht das Pferd. Was siehst du, was siehst du nicht.

Das ist kein zusätzlicher Aufwand oben drauf. Das ist der Aufwand, den die Erkrankung verlangt. Und der Aufwand ersetzt, was mein Körper bei mir nicht automatisch macht.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt
Mein Körper erzieht mich. Das Pferd kann seinen Besitzer nicht erziehen. Der Besitzer muss sich die Struktur selbst geben. Durch Sichtbarkeit. Durch Routine. Durch die tägliche Bereitschaft, hinzuschauen, auch wenn die Zahlen nicht die sind, die er sehen will.

Selbstvergebung gehört dazu. Nicht als Großzügigkeit. Als Voraussetzung. Wer sich für schlechte Werte verurteilt, schaut irgendwann nicht mehr hin. Wer sich für schlechte Werte nüchtern einordnet, schaut weiter hin. Das ist der Mechanismus.

Rücksicht auf den eigenen Körper zu nehmen ist das Gleiche wie Rücksicht auf das Pferd zu nehmen. Beides bedeutet: hinschauen, einordnen, handeln, weitermachen. Ohne Drama. Ohne Selbstanklage. Ohne die Illusion, alles unter Kontrolle zu haben.

Mit der Einsicht, dass man nur beeinflussen kann. Und dass das genügt.

Das ist es, was der alte Spruch eigentlich meint. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Nicht weil Erkennen die Gefahr beseitigt. Sondern weil nur das Erkannte handhabbar wird. Alles andere bleibt im Dunkeln wirksam.

Dieser Text ist Kapitel 5 aus meinem kostenlosen Heft "Warum Rehetherapie scheitert – und was das mit dir zu tun hat". Das ganze Heft bekommst du als PDF unter 

https://www.dropbox.com/scl/fi/gcdbtkr9hjiup15lsmvul/rehetherapie-3.pdf?rlkey=8my24rukxr7dy1rwzi7wv3vta&st=etm3q57w&dl=0

Kerstin Janßen ist Hufbearbeiterin mit Schwerpunkt Hufreherehabilitierung. Sie lebt seit  45 Jahren mit Typ-1-Diabetes und arbeitet in Altthymen bei Fürstenberg/Havel.